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Teil 8: Wohnraumversorgung - Warum wir einen umfassenden kulturellen Wandel benötigen

Autor/in

Annette Guthy Annette Guthy

Datum

26.01.2024

Schlagworte

  • Politisches
  • nestbau kommentiert
  • Info-Serie Wohnraumversorgung

Wohnraumversorgung

  1. Teil 1: Wohnraumversorgung – Hintergründe und Zusammenhänge
  2. Teil 2: Wohnraumversorgung - Klimaverträgliches Bauen
  3. Teil 3: Wohnraumversorgung - Was können natürliche Baustoffe bewirken?
  4. Teil 4: Wohnraumversorgung - Das Prinzip „Lego“: Rezyklierbarkeit und Kreislaufwirtschaft
  5. Teil 5: Wohnraumversorgung - Wohnfläche und Suffizienz – Wie viel ist genug?
  6. Teil 6: Wohnraumversorgung - Wo Märkte sinnvoll sind (und wo nicht)
  7. Teil 7: Wohnraumversorgung - Wohnungspolitische Instrumente und Eigentumsverhältnisse in Deutschland
  8. Teil 8: Wohnraumversorgung - Warum wir einen umfassenden kulturellen Wandel benötigen
  9. Teil 9: Wohnraumversorgung - Warum Wohnraum immer auch emotional ist
  10. Teil 10: Wohnraumversorgung - Unser „Neschtle“ oder die Transformation im Tun

Jede Ent­wicklung in der Gesell­schaft wird von ihren dominierenden Werten und Über­zeugungen be­einflusst. Diese sind - wie wir immer stärker erfahren - jedoch wandel­bar und können und müssen regel­mäßig gemein­sam neu ver­handelt werden.

Welche Werte sind noch wertvoll?

Leider ist es immer noch über­wiegend das Eigen­heim im Grünen und das PS-starke Auto, welches sich im west­lichen Nach­kriegs­deutsch­land als In­begriff der Vor­stellung des guten Lebens, von Erfolg und als Status­symbol in den kulturellen Leit­bildern durch­ge­setzt hat. Gesellschaftlich sind wir jedoch an einem Punkt angekommen, an dem wir den Nutzen dieser Leitbilder hinterfragen und hinterfragen müssen.

Wenn wir eine öko­soziale Transformation im Wohn­sektor anstreben, brauchen wir einen um­fassenden kulturellen Wandel. Hier ein paar Zahlen und Fakten zum Ein­ordnen: Zwischen 1991 und 2017 stieg die Bevölkerungszahl um 3,5%, die Anzahl der Haus­halte jedoch um 17%. Ent­sprechend hat der Wohn­flächen­konsum in den letzten Dekaden stark zu­genommen1. Mit steigendem Wohl­stand haben sich die Lebens­stile und die sozialen Strukturen gewandelt. Hier­bei spielen Individualisierungs­trends und das Alter der Personen in einem Haus­halt eine wichtige Rolle. Aus dieser historischen Ent­wicklung ergibt sich eine andere Zahl:

Würden wir heute noch auf dem Wohnungs­niveau der frühen 1960er Jahren leben, hätten wir in Deutsch­land Platz für 200 Mio. Menschen.

Die be­sagten Zahlen zeigen deutlich, dass wir mit unseren heutigen Werte­vor­stellungen nicht einmal das wenig ambitionierte Ziel, pro Tag nur noch 30 Hektar an Fläche zu ver­siegeln (momentan sind es 54 Hektar) er­reichen werden.

Es muss in der Gesell­schaft ein Um­denken passieren, wenn wir auch per­spektivisch gut zusammen­leben wollen. Klima- und Verteilungs­krisen setzen unseren Aktivitäten ab­sehbar immer deutlichere Grenzen. Das führt dazu, dass eine immer wackeligere Grund­ver­sorgung im Bereich Wohnen für die breite Masse unseren sozialen Frieden be­droht. Vernünftig wäre es, Generationen- und Erd­system­ver­ant­wortung zu über­nehmen und sich Werten zu verpflichten, die uns ins 22. Jahrhundert tragen. Wir als Gesell­schaft entscheiden kollektiv, was wert­voll ist, wofür es An­erkennung gibt und was ver­pönt ist. Die vielfältigen Krisen sind also die Chance auf einen Wandel und eine Grenze ist immer auch die Mög­lich­keit zur Innovation und zum Wachs­tum in die Vielfalt - statt immer mehr vom Gleichen zu generieren.2

Wie gelingt ein ressourcen­schonendes Leben mit gleichem Komfort?

Aus der Geschichte lernend, findet ein erfolg­reicher kultureller Wandel von unten statt, um ihn dann in die Politik zu tragen und um um­fassende Instrumente und Rahmen­be­ding­ungen schaffen zu können. So die Theorie, die Praxis ist wie immer ein wenig komplexer.

Das Gute ist: Es gibt Lösungs­ansätze, wir müssen sie nur laut genug kommunizieren. Damit „weniger“ genug werden kann, braucht es eine aktive Ge­staltung. Eine gute Suffizienz­politik bedeutet immer eine Um­verteilung von Zugang z.B. zu Wohn­raum oder im Verkehr. Und das sorgt für Kontroverse. Daraus folgt, dass Suffizienz­politik nur gestaltet werden kann, wenn die Bürger­innen und Bürger sich aktiv dafür entscheiden.

Zum Ver­an­schaulichen ein weiteres Beispiel: Ein städte­bauliches Leit­bild, das uns in die Zu­kunft bringt, ist die dreifache Innen­ent­wicklung der Stadt. Es wird künftig ein Ringen um Fläche und Raum geben, da diese Res­sourcen natür­lich begrenzt sind. Die so­genannte drei­fache Innen­ent­wicklung ist als Ant­wort auf die Heraus­forderungen und Ziele nach­haltiger Stadt­ent­wicklung zu sehen.3 Die Urbanisierung ent­wickelt sich weiter und die Ge­staltung einer lebens­werten Stadt für alle wird an­spruchs­voller.

Es geht um neue Flächen­strukturen und die Verhandlung von Zugängen, um eine gerechte und nachhaltige Stadt zu kreieren. Dürfen die Autos vor der Türe mehr Platz in An­spruch nehmen als die eigenen Kinder für ihr Zimmer? Wollen wir Grün- und Frei­flächen für einige wenige oder für alle? Und ist es viel­leicht doch nicht so schlimm, ein vier­geschossiges Haus neben eine 1970er- Jahre-Ein­familien­haus-Siedlung zu setzen, um hier ein kompaktes Wohnen zu ermöglichen?

Das sind Fragen, auf die wir Ant­worten brauchen und dabei hoffent­lich auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Wir haben die Mög­lich­keit kulturelle Leit­bilder zu gestalten und inhalt­lich zu rahmen - auch im privaten Raum.

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Fußnoten

  1. Stephan L. Thomsen; Vogt Daniel; Brausewetter Lars. (2019): Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik in Deutschland: Situation und Optionen. Hannover.zurück nach oben
  2. Anders Levermann: Die Faltung der Welt. Wie die Wissenschaft helfen kann, dem Wachstumsdilemma und der Klimakrise zu entkommenzurück nach oben
  3. Umweltbundesamt: Dreifache Innenentwicklung Definition, Aufgaben und Chancen für eine umweltorientierte Stadtentwicklung (2023) zurück nach oben
Teil 9: Wohnraumversorgung - Warum Wohnraum immer auch emotional ist Teil 7: Wohnraumversorgung - Wohnungspolitische Instrumente und Eigentumsverhältnisse in Deutschland

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