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Teil 9: Wohnraumversorgung - Warum Wohnraum immer auch emotional ist

Autor/in

Jördis Binroth Jördis Binroth

Datum

25.01.2024

Schlagworte

  • nestbau kommentiert
  • Konzepte
  • Info-Serie Wohnraumversorgung

Wohnraumversorgung

  1. Teil 1: Wohnraumversorgung – Hintergründe und Zusammenhänge
  2. Teil 2: Wohnraumversorgung - Klimaverträgliches Bauen
  3. Teil 3: Wohnraumversorgung - Was können natürliche Baustoffe bewirken?
  4. Teil 4: Wohnraumversorgung - Das Prinzip „Lego“: Rezyklierbarkeit und Kreislaufwirtschaft
  5. Teil 5: Wohnraumversorgung - Wohnfläche und Suffizienz – Wie viel ist genug?
  6. Teil 6: Wohnraumversorgung - Wo Märkte sinnvoll sind (und wo nicht)
  7. Teil 7: Wohnraumversorgung - Wohnungspolitische Instrumente und Eigentumsverhältnisse in Deutschland
  8. Teil 8: Wohnraumversorgung - Warum wir einen umfassenden kulturellen Wandel benötigen
  9. Teil 9: Wohnraumversorgung - Warum Wohnraum immer auch emotional ist
  10. Teil 10: Wohnraumversorgung - Unser „Neschtle“ oder die Transformation im Tun

In ver­schiedenen Lebens­phasen gibt es unter­schiedliche Be­darfe an Wohn­raum. Im einfachsten Szenario wechselt man aus dem Eltern­haus in eine kleine Wohnung oder WG und zieht irgend­wann in deutlich größeren Wohn­raum. Im Alter wird weniger Platz oder aber ein barriere­freies Wohn­umfeld benötigt. Existiert dann aus­reichend demografisch passender Wohn­raum, wären theoretisch alle Menschen gut versorgt. Aber so einfach ist es eben nicht.

Wohn­raum als existen­tielles Bedürfnis

1943 arbeitet der US-ameri­kanische Psychologe Abraham Maslow die menschlichen Grund­bedürfnisse aus und bringt sie in eine hierarchische Ordnung.1. Auf der untersten und damit dringlichsten Ebene stehen Schlaf und Obdach als Basis­bedürfnis aller Lebe­wesen. Nur eine Stufe weiter oben liegen die Sicher­heits­bedürfnisse, in der das Obdach für Menschen nun konkret als „Wohnung“ benannt ist.

Wohn­raum ist eine Weiter­entwicklung des Über­lebens­bedürfnisses „Schutz“, kann aber noch viel mehr leisten. Auf­einander auf­bauend bietet Wohn­raum auch die Sicherheit und den Ort, wo auch die Sozial­bedürfnisse ge­stillt werden. Auch die Individual­bedürf­nisse (Erfolg, Stärke, Frei­heit, An­erkennung und Wert­schätzung) können bei ent­sprechenden finanz­iellen Ver­hältnissen durch die Qualität des Wohn­raums erfüllt, bzw. markiert werden.

Maslowsche%20Bed%C3%BCrfnispyramide
Bild: nestbau AG, basierend auf A. Maslow

Wohn­raum als Resonanz des Selbst

Nach Maslow sind die einzelnen Bedürf­nisse auf­einander auf­bauend, weshalb sie oft als Pyramide dargestellt werden. Dem­nach müssen zu­nächst die Existenz­bedürfnisse gestillt sein, bevor es Raum für die nächste Ebene gibt. Regulär – so zumindest die optimistische Annahme – sind in unserer Gesell­schaft die untersten drei Bedürfnis­ebenen ver­sorgt, so dass bei uns die Individual­bedürfnisse und die Selbst­ver­wirklichung die Ebenen sind, auf denen agiert wird.

Die reine Fläche und Lage unseres Lebens­raums sowie die Frage nach Eigen­tum, dient bisher normativ noch als Anlass für An­er­kennung, Be­stätigung und Wichtig­keit und damit der Be­friedigung der Individual­bedürfnisse. Wenn wir Nach­haltig­keit in der Wohn­raum­ver­sorgung wollen, ist hier ein gesell­schaft­liches Um­denken nötig. Denn wofür es kollektive An­er­kennung gibt, hat sich historisch ge­sehen schon mehr­fach gewandelt.

Wie wir unsere Wohn­um­gebung ge­stalten, ist Aus­druck unserer Selbst­ver­wirklichung. Wir treten über die Wahl von Möbeln, Farben und De­korationen in Kontakt mit uns Selbst, um unserer Selbst­bild zu be­stätigen oder um­zu­gestalten. Unsere Wohnung ist auch der Ort, wo wir Gegen­stände aus der eigenen Bio­grafie an­sammeln. Dazu kommen all die Ereignisse, die in unseren eigenen vier Wänden statt­gefunden haben und die als Er­innerungen in genau diesen Wänden stecken. Die uns um­gebenden, zum Teil auch greif­baren Erinnerungen, von denen wir einen Teil als An­denken und Fotos auch für andere sicht­bar werden lassen, machen unsere Wohnung zu einem Zuhause und zu einem intimen Ort.

Bedarf ist nicht gleich Bedürfnis

Wenn nun im sozial­politischen Teil unserer Serie klar geworden ist, dass der „Wohnungs­markt“ nicht von einem realen Wohn­bedarf ge­steuert wird, sondern von kauf­kräftigen Investments (vgl: Wo Märkte sinnvoll sind (und wo nicht)), zeigt sich jetzt außer­dem deut­lich, dass auch der Bedarf an Wohn­raum von dem Bedürfnis nach sicherem, vertrautem Raum aus­gehebelt werden kann.

Ent­scheid­ungen über den Wohn­raum, den wir (weiter) be­wohnen, sind oft nicht nur von einem realen Flächen­bedarf, bau­lichen An­forder­ungen wie Barriere­frei­heit und/oder unseren finanziellen Mitteln ab­hängig. Wir schließen gleich­sam ein Kapitel der eigenen Bio­grafie, wenn wir den Ort wechseln, an dem unser Lebens­mittel­punkt statt­findet. Auch das Aus­wählen und Ein­packen der Gegen­stände, die mit­kommen, ist eine Aus­einander­setzung mit der eigenen (Gegenstands-)Geschichte. So steckt im Aus­misten eine Ge­legen­heit der Ver­gangen­heits­be­wäl­tigung und der neuen Akzen­tuierung der eigenen, teils sichtbaren Gesch-Ich-te. Dieser Prozess fordert und kann überfordern.

Da­raus folgt auch, dass Argumen­tationen auf der rein rationalen Ebene nicht aus­reichen werden, um gesamt­gesellschaft­liche Ver­änderungen in der Pro-Kopf-Flächen­nutzung zu bewirken. Es braucht auch einen Blick für das ganz individuelle Bedürfnis nach einem guten Ort für die eigene Geschichte und/oder einen attraktiven Start­punkt für das nächste Kapitel.

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Fußnoten

  1. A Theory of Human Motivation. In Psychological Review. 1943, Vol. 50 #4, Seite 370–396, hier die Online-Ausgabe der York University (englische Quelle) zurück nach oben
Teil 10: Wohnraumversorgung - Unser „Neschtle“ oder die Transformation im Tun Teil 8: Wohnraumversorgung - Warum wir einen umfassenden kulturellen Wandel benötigen

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