Danke, Gunnar Laufer-Stark!
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Zum Abschied aus dem Vorstand der nestbau AG
„Noch schöner als Visionen zu haben, ist sie zu verwirklichen.“
Dieses Zitat der jungen österreichischen Philosophin Lisz Hirn beschreibt in einem kurzen Satz, was Gunnar Laufer-Stark als Gründer und Vorstand der nestbau AG über viele Jahre mit unglaublichem Engagement par excellence umgesetzt hat.
Nun ist am 30.11.2025 eine Ära bei der nestbau AG zu Ende gegangen. Kurz nach seinem 70. Geburtstag endete für Gunnar Laufer-Stark seine dritte jeweils 5-jährige Amtszeit als Vorstand und er hat sich dazu entschieden, aus der aktiven Führungsverantwortung des Unternehmens auszuscheiden.
Ein Pionier des gemeinwohlorientierten Wohnens
Mit seinem Rückzug aus der aktiven Rolle bei der nestbau AG verabschiedet sich eine Persönlichkeit, die den gemeinwohlorientierten Wohnungsbau nachhaltig geprägt hat. Gunnar Laufer-Stark hat sich nie gescheut, neue Wege zu gehen, unkonventionelle Lösungen zu denken und mit großem Mut Projekte zu realisieren, die vielen Menschen eine lebenswerte Perspektive ermöglicht haben.
- Vor über 15 Jahren hatte er den Mut, die von ihm aufgebaute Steuerberatungskanzlei zu verkaufen und noch einmal zu studieren:
- Er machte an der Universität Münster einen Master in Immobilienrecht.
- So vorbereitet ging er daran, eine Idee zu verfolgen, die damals noch visionär klang und heute als wegweisend gilt: Mit bezahlbarem Wohnraum eine gemeinwohlorientierte Geldanlagemöglichkeit zu schaffen – nicht als Renditeobjekt, sondern als gemeinschaftlich getragenes Projekt. Finanziert durch Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung und Chancen miteinander teilen.
- Dabei ging er selbst voran und brachte den gesamten Verkaufserlös seiner Kanzlei in die nestbau AG ein, deren größter Aktionär er bis heute ist.
Durch sein Wirken wurde nachhaltige Geldanlage zu einem Motor für soziale Innovation. Dabei verfolgte er ein explizit breites Verständnis von „Wohnbau“. Und dabei zeigte sich immer wieder von Neuem, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliches Engagement kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig stärken können. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Unternehmen kontinuierlich zu einem beispielgebenden Akteur für gemeinwohlorientierten und bezahlbaren Wohnraum.
Für diesen außerordentlichen Einsatz gebührt höchste Anerkennung.
Wenn ein Mensch mit siebzig Jahren aus einer Aufgabe heraustritt, die er selbst geschaffen, geprägt und über mehr als ein Jahrzehnt mit schier unerschöpflicher Energie vorangetrieben hat, dann markiert das mehr als einen einfachen Wechsel im Vorstand. Es ist der Moment, nochmals Rückschau zu halten auf das, was ein Impulsgeber und ein Möglichmacher im Wohnungsbau geschaffen hat.
Meilensteine einer besonderen Unternehmensgeschichte
Als Gunnar Laufer-Stark im Jahr 2010 die nestbau AG gründete und als Aktiengesellschaft ins Handelsregister eintragen ließ, betrat er Wohnungsbau-Neuland: eine gemeinwohlorientierte Bürgeraktiengesellschaft im Wohnungsbau. So etwas gab es bisher noch nicht! Eine AG, die ökologische Verantwortung, soziale Innovation, Bürgerbeteiligung und bezahlbaren Wohnraum zusammenführt – das war ein absolutes Novum. Und es war der Auftakt zu einem mutigen, wegweisenden Experiment, das bis heute zahlreiche Impulse setzt, auch weit über Tübingen hinaus.
Über viele Jahre hinweg blieb die nestbau AG ein Ein-Personen-Unternehmen, getragen von beeindruckender Energie, fachlicher Tiefe, hohem Anspruch an sich und auch an andere und viel Idealismus. Das Fundament, das in dieser Zeit gelegt wurde, prägt die nestbau AG bis heute.
Gunnar Laufer-Stark, Gründer der nestbau AG, Vorstand von 2010-2025
Von Anfang an zeigte sich, was „nestbau“ meint: sozial, ökologisch, menschlich, kooperativ und zutiefst der Gemeinschaft verpflichtet.
- Im Schleifmühleweg 75 entstand 2014 ein Stammhaus, das schon damals alles hatte, was später Trend werden würde: Co-Working, Inklusionswohnen, starke Solarthermie – und die innere Haltung, Mieter_innen nicht nur Wohnraum, sondern gute Lebensräume zu geben.
- 2016 entsteht dann mit Neue Nachbarn ein frühes Modell eines echten Bürger:innen-Hauses – getragen von rund hundert Tübingerinnen und Tübingern.
- 2017 setzt die nestbau AG im Tübinger Güterbahnhofareal einen Impuls, der seiner Zeit voraus war: Die Konzeption und Finanzierung einer Pflege-WG, zu einer Zeit, als Wohn- und Pflegegemeinschaften kaum bekannt waren.
- 2018 wird im Steingauviertel in Kirchheim/Teck ein weiteres Zukunftsprojekt angestoßen – ein Haus, das hochwertig, bezahlbar, gemeinschaftlich und architektonisch anspruchsvoll zugleich ist, inklusive einer weiteren Pflege-WG. Die Fertigstellung dieses ambitionierten Projekts erfolgte im September 2022.
- 2019 kommt ein weiteres Projekt dazu, das neue Wege betritt: Ein Grundstück in Hirschau, auf dem ein Haus für Geflüchtete und eine durch die nestbau finanzierte Pflege-WG entsteht – ein Modell, das bis heute gut funktioniert und ein weiteres Beispiel dafür, wie Gunnar Laufer-Stark Unbekanntes anstößt und Kooperationen stärkt.
- Mit der ersten testierten Gemeinwohlbilanz 2020, erfolgreichen Kapitalerhöhungen, dem professionellen Aufbau eines Teams, dem grafischen Relaunch und dem vergrößerten Aufsichtsrat schien die nestbau AG in eine Phase der Skalierung einzutreten: Optimismus, Aufbruch und die berechtigte Hoffnung auf Rendite für inzwischen rund 500 Bürgeraktionär:innen waren spürbar.
- Und dann: das „Pfrondorfer Neschtle“, ab 2021 vielleicht das sichtbarste Sinnbild der Idee von nestbau. Fast ganz aus Holz, nahezu energieautark, ein Vorzeigeprojekt und eine Blaupause für ländliche Gemeinden – ein Haus, das zeigt, wie Zukunft aussehen kann: ökologisch, sozial, ästhetisch, identitätsstiftend. Mut und Beharrlichkeit auch in kritischen Momenten.
Zu einer ehrlichen Bilanz gehören auch die Herausforderungen,
mit denen die Arbeit der nestbau AG konfrontiert war:
- Ein langjähriger Rechtsstreit um eine Baugenehmigung in Metzingen,
- der Verkauf des architektonisch und konzeptionell visionären Hauses C2 am Hechinger Eck in Tübingen im Jahr 2023,
- und das ambitionierte Projekt in Stuttgart-Feuerbach, das trotz großer Anstrengung nach fast fünfjähriger Konzeptarbeit nicht realisiert werden konnte.
All diese Projekte waren überlagert durch die Anfang 2022 über den Wohnungsbau hereingebrochene erheblichen Verschlechterungen bei Finanzierungen und dem Wegfall von Zuschüssen, die auch die Fertigstellung des „Pfrondorfer Neschtle“ immer wieder verzögerten. Die konstruktive Bewältigung dieser Rückschläge tragen seine Handschrift ebenso wie die Erfolge: Beharrlichkeit, Verantwortungsgefühl, Integrität – und die Fähigkeit, auch trotz Enttäuschungen den eingeschlagenen Weg mutig weiterzugehen – zeichnen ihn als verantwortungsvolle Führungsperson und besondere Persönlichkeit aus. Denn
Gunnar Laufer-Stark war nie nur Vorstand einer Wohnungsbaugesellschaft
Wer Gunnar Laufer-Stark kennt, weiß, dass ihn wesentlich mehr auszeichnet. Er ist Berater, Projektentwickler, Netzwerker, Mutmacher, Ideenstifter und in der Wohnprojekteszene „bekannt wie ein bunter Hund“. Er verbindet in seiner Person scheinbare Gegensätze auf einzigartige Weise:
- einen marxistischen Hintergrund mit risikobereitem unternehmerischem Denken
- schwäbisches Urgestein und origineller Freigeist
- juristisch präzise und gleichzeitig warmherzig zugewandt
- ungeduldig fordernd und dennoch in der Lage, komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch für Laien verständlich werden
- ein erfahrener Profi und ein Mensch, der gerne lacht, erzählt und seine Erfahrung weitergibt.
Mit dem Ausscheiden aus dem Vorstand endet eine wichtige Ära der nestbau AG. Seine Neugier, seine Pionierarbeit, sein Mut und sein unerschütterlicher Gemeinwohlgeist haben ein Unternehmen geprägt, das heute beispielgebend in der Gemeinwohlökonomie ist. Dabei ist offensichtlich, dass die Wirkung von Gunnar Laufer-Stark dauerhaft sichtbar bleibt – in Häusern, die für viele Menschen Heimat geworden sind, in Menschen und Netzwerken, die erfolgreich zusammenarbeiten und in Ideen, die über das Unternehmen hinaus weiterleben.
Wir freuen uns sehr, dass Gunnar Laufer-Stark bereit ist, die nestbau AG weiterhin beratend zu unterstützen und ihr mit seiner Expertise zur Seite zu stehen.
Lieber Gunnar,
- danke für Dein Engagement, Deinen Mut und Deine Vision,
- danke für alles, was Du geschaffen, angestoßen und ermöglicht hast,
- danke für ein Stück Zukunft, das ohne Dich nicht gebaut worden wäre.
Dr. Beate Radzey, Vorsitzende des Aufsichtsrats