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Ambulant betreute Wohngemeinschaften - eine Wohnform in der Krise?!

Autor/in

Dr. Beate Radzey Dr. Beate Radzey

Datum

01.04.2025

Schlagworte

  • Politisches
  • Pflege-WGs

In loser Folge veröf­fent­li­chen wir hier Bei­träge unserer Auf­sichts­rät:in­nen, mit denen sie nicht nur wich­tige Themen akzen­tuieren, son­dern sich zugleich mit ihren Perspek­tiven erkenn­bar machen. Unsere Auf­sichts­rätin Dr. Beate Radzey ordnet das poli­ti­sche Umfeld rund um die ambu­lant betreu­ten Pflege-WGs ein.

WGs als gemein­schaft­liche Form häus­licher Betreuung und Pflege

Noch nie waren die Chancen so hoch wie heute bei rela­tiver Gesund­heit ein hohes Lebens­alter zu errei­chen. Treten dann doch gesund­heit­liche Ein­schrän­kungen und Pflege­bedarf auf, ist das Pflege­heim in der Regel nicht die erste Wahl. Die klare Mehr­heit der älte­ren Bevöl­ke­rung will auch im Alter selbst­be­stimmt in den eige­nen vier Wänden oder zumin­dest am Wohn­stand­ort wohnen bleiben und kann sich den Ein­zug in eine statio­näre Pflege­ein­richtung nicht vor­stellen.
Neue, alter­native Wohn- und Sorge­mo­delle in „geteil­ter Ver­ant­wor­tung“ wie die Pflege-WG (korrekt: "ambu­lant betreute Wohn­ge­mein­schaft") finden daher immer mehr Zu­spruch.
Bei dieser fami­liären Wohn­form für Menschen mit Pflege­bedarf oder Behin­de­rung leben bis zu zwölf Perso­nen in einem gemein­samen Haus­halt mitten in der Gemeinde. Die Betreu­ungs-/ Pflege­lei­stungen sowie haus­wirt­schaft­liche Versor­gung werden koope­rativ von profes­sio­nellen Dienst­leistern, Ange­hö­rigen und Ehren­amt­lichen rund um die Uhr erbracht. Die Mieter*in­nen sind – wenn möglich - Mitge­stal­tende des Alltags und werden aktiv einge­bunden.

20200229_Eisenbahnstra%C3%9Fe%20mittlere%20Aufl%C3%B6sung_PflegeWG_G%C3%BCterbahnhof_DemenzWG Unsere 8er Pflege-WG am alten Güterbahnhof

WGs als qualitätsvolles Wohn- und Sorgeangebot

Damit bieten ambulant betreute Wohn­ge­meinschaften sowohl eine hohe Ver­sor­gungs­sicher­heit als auch ein großes Maß an Selbst- und Mitbe­stim­mung für die dort leben­den Men­schen. Das Leben und der Alltag in der WG werden nicht durch betrieb­liche Logiken, Regel­haftig­keit und externe Anfor­derungen be­stimmt, sondern gemein­sam aus­ge­han­delt.
Der Alltag orien­tiert sich an den indivi­duellen Wün­schen und dem gewohn­ten Leben. So wird mehr Demo­kratie, Mitge­stal­tungs­mög­lichkeit und Gemein­schaft reali­siert. Die Qua­lität lässt sich nicht vor­rangig an for­malen Stan­dards fest­machen, statt­dessen bestim­men Fami­lien­orien­tie­rung und gemein­same Aus­hand­lungs­pro­zesse das Zusam­men­leben.

WGs als wich­tiger Bau­stein einer wohn­ort­nahen Versor­gungs­struktur

2014 wurde mit dem WTPG (Wohn-, Teilhabe- und Pflege­gesetz) in Baden-Würt­tem­berg ein gesetz­licher Rahmen geschaf­fen, durch den sich Pflege-WGs als eine familiäre, wohn­ort­ver­bun­dene und betei­ligungs­orien­tierte Wohn­form im Versor­gungs­system fest etabliert haben. Seither sind viele Wohn­gemein­schaften neu ent­standen. WGs bewäh­ren sich als ein wichtiger Bau­stein einer wohn­ort­nahen Versor­gungs­struktur. Sie ermög­lichen in kleinen Kom­munen den Aufbau eines ortsan­ge­passten pflege­ri­schen Angebots; in größeren Kom­munen können sie vorhan­dene Ange­bote ergän­zen und eine Versor­gung für beson­dere Ziel­gruppen anbieten. Ein wei­terer Vorteil ist, dass WGs im Rahmen des norm­alen Woh­nungs­baus reali­sierbar sind und ein entspre­chen­des wohn­li­ches Ambi­ente bieten. Sie sind einge­bettet in Dorf­ge­mein­schaften und Quar­tiere und stärken somit den gesell­schaft­lichen Zusam­men­halt vor Ort.

UGL_Ansicht-Stra%C3%9Fe_Pflege-WG_gelb-markiert Gelb markiert: Hier wird die Unter­je­singer 8er Pflege-WG Platz finden - raffi­niert und maß­stäb­lich ein­ge­fügt in klein­teilig wir­kende Be­bauung

ZiH-Hirschau_Bild_bearb Mitten zwischen Einfami­lien­häu­sern und Doppel­haus­hälften - bestens ver­träg­lich einge­fügt: trotz immer­hin 340qm für die Hir­schauer Pflege-WG im EG

WGs als Verlierer der jüngsten sozialpolitischen Neuerungen

Dieser posi­tive Entwicklungs­trend ist seit 2023 jedoch erheb­lich ins Stocken geraten. Ein zent­raler Grund hierfür ist eine Schief­lage bei der Finan­zie­rung: Wäh­rend die statio­näre Pflege durch No­vel­lie­rungen in der Pflege­ver­si­che­rung (GVWG sowie PUEG) finan­ziell ent­lastet wurde, so dass sich die Eigen­an­teile der dort leben­den Men­schen von Jahr zu Jahr redu­zieren, blie­ben die WGs hier unbe­rück­sich­tigt.
Dies bede­utet, dass beide Wohn­formen bei Einzug des Pflege­be­dürf­tigen unge­fähr gleich viel kosten, aber die Person, die im Pflege­heim lebt, im Lauf der Zeit immer weni­ger bezahlt. Durch das Schei­tern der Ampel-Koa­lition auf Bundes­ebene (Ende 2024) sind weitere Novel­lie­rungen in der Pflege­ver­si­che­rung erst einmal gestoppt. Jetzt ist abzu­warten, ob die künf­tige Bun­des­re­gie­rung das Thema der inno­vativen Wohn­formen und deren Finan­zierung in den Koali­tions­ver­hand­lungen zum Thema machen wird.

G%C3%BCterbahnhof_Pflege-WG_Grundriss Grundriss unserer 8er WG Alter Güter­bahn­hof

Sehr früh­zeitig haben wir in der nest­bau AG die Chan­cen der Pflege-WG erkannt: quartiers­orientiert, wohn­ortnah, über­schau­bar, vom Wohnen und nicht von der „Versor­gung“ oder gar „dem Pflege­fall“ her gedacht. Dass die Stadt Tübin­gen relativ früh und dann sehr klar auf diese Form einge­schwenkt ist, hat sicher auch mit den von uns mit-reali­sierten Bei­spielen zu tun:

  • In unserem ältesten Haus – dem Schleif­mühle­weg 75 – hatten wir bereits zwei Inklu­sions-WG integriert. Hier liegt der Fokus nicht auf Älter­werden und Pflege­be­dürf­tigkeit – die Grundi­deen der Norma­li­sierung und Wohn­ortnähe sowie der Partizi­pation der Bewoh­nenden ver­bindet aber diese Form mit den WG’s für Ältere.
  • Im Frühjahr 2019 wurde die erste Pflege-Wohn­ge­mein­schaft der nestbau AG im Tübinger Neubau­gebiet Alter Güter­bahn­hof fertiggestellt. In der von den Ange­hö­rigen selbst verwal­teten WG leben acht Men­schen, über­wiegend mit demen­ziellen Erkran­kungen. 2020 dazu ein schöner Tag­blatt-Artikel und im Sommer 2024 kam sogar Sozialminister Lucha zu Besuch.
  • In Hirschau haben wir im Rahmen eines Geflüch­teten­hauses einer Bau­gruppe im EG eine 11er-Pflege-WG realisiert. Bezug war Anfang 2020 - zeit­gleich mit der anrol­lenden Corona-Welle. Infos zur dortigen WG
  • In Kirchheim befindet sich in der fast 500 m² großen Dach­geschoss-Woh­nung eine ambu­lant betreute Pflege-Wohn­ge­mein­schaft mit 12 Plätzen. Einzug war 2021. Die Pflege-WG wird vom Verein Wohn­viel­falt aus Stutt­gart zusam­men mit den Mal­teser Hilfs­diensten gGmbH betrie­ben und stellt rund um die Uhr eine Betreu­ungs­kraft vor Ort. Infos zur dortigen WG
  • Und ganz aktuell gestal­ten wir mit bei der Genos­sen­schaft "Unter­je­singen. gut. leben - in jedem Alter" - als tat­kräf­tige Projekt­steuerer. Auch hier ist eine 8er-Pflege-WG ein inte­graler Bestand­teil.
  • Und auch in vielen der exter­nen von uns bera­tenen Pro­jekte spielt der Wunsch nach einer quar­tiers- und wohn­ort­nahen Betreu­ung und Pflege oft eine wich­tige Rolle. Bei­spiels­weise prüfen wir dies für Rotten­burg-Obern­dorf.

Die Tübinger Strate­gie Senio­ren­leben und Pflege setzt seit vielen Jahren sehr stark auf ambu­lant betreute Wohn­ge­mein­schaften. Die nest­bau AG war dabei einer der ganz frühen Umsetz­partner und als Projekt­steuerer bei einer der nächsten entste­hen­den (Unter­je­singen) maß­geb­lich betei­ligt.
20260316_Pflegepl%C3%A4tze-in-T%C3%9C_nestbau-gelb-markier_Langzeitpflege
Die Grafik zeigt den Aus­bau der Lang­zeit­pflege-Plätze. Gelb mar­kiert dieje­nigen, die mit der nest­bau AG zusam­men reali­siert wurden bzw. werden.

Hier gibt es kritische Infos zur ganz aktu­ellen Re­form des Landes­ge­setzes, das die Pflege-WG regelt (WTPG)

nestblick-02-2025 Unterjesingen: Wohnungsvergabe startet

© nestbau AG

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