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Ein neues Verständnis von Architektur & Bauplanung

Autor/in

Manuel Rausch Manuel Rausch

Datum

15.06.2022

Schlagworte

  • Netzwerk
  • Bauen & Klima
  • Pfrondorf

Manuel Rausch, auch als freier Architekt tätig, leitete unsere Kooperation mit der Professur Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technik und hat für uns noch einmal seine Gedanken rund um das Projekt des Pfrondorfer Neschtles und nötige Innovationen der Baubranche verschriftlicht.

Professur Nachhaltiges Bauen/KIT trifft nestbau AG

Im Wintersemester 2020/2021 haben Studierende der Professur Nachhaltiges Bauen am KIT in Karlsruhe in Koope­ration mit der nestbau AG einen Entwurf mit dem Titel “(H)Austausch!” bearbeitet. Hier ein Einblick in die Ergebnisse: (H)Austausch! – Innovative Wohnkonzepte für die Generation Gold

Ein Ausgangpunkt für die Überlegungen stellte dabei das Phäno­men dar, dass laut statisti­schem Bundes­amt immer mehr Wohn­fläche pro Kopf verbraucht wird. Dies resultiert häufig durch die Lücke zwischen demo­grafischer und persön­licher Verän­derungen in unter­schied­lichen Lebens­phasen und der sich nicht anpas­senden Wohn­situation. Letztere bleibt oft gleich, insbesondere bei Einfamilien­haus­strukturen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind oder der/die Lebenspartner/in verstorben ist, bleibt das große Haus oft einer Person überlassen. Dies führt nicht selten zu weit über 100 m² liegenden Wohn­flächen­verbräuchen für Einzel­personen. Hinzu kommt, dass mit zuneh­mendem Alter der Bewohner das Eigenheim in vielen Fällen zur Last wird.

Auf der anderen Seite stand die Feststellung, dass insbe­sondere junge Familien häufig hände­ringend (und oft erfolglos) nach Wohnraum außer­halb der Kernstädte suchen. Grund­stücke sind rar und teuer. Neubau­gebiete, die die übliche Antwort auf diese Proble­matik darstellen, verbrauchen und versiegeln wertvolle Boden­flächen, die womöglich gar nicht benötigt werden.

Die Idee hinter dem architek­tonischen Entwurf war, durch „(H)Austausch!“ eine „win-win“-Situation für beide Genera­tionen zu ermög­lichen und gleich­zeitig den neuen Flächen­bedarf an Bauland so gering wie möglich zu halten. Die These lautete: Wenn man es schafft, attrak­tive Wohnformen in gewohnter Nach­bar­schaft zu etablieren, werden Häuser und Wohnungen frei für junge Familien, ohne dafür viel weiteren Boden erschließen oder versiegeln zu müssen.

Im Fokus der Aufgabe stand eine Einfa­milien­haus­siedlung in einem Ortsteil von Pfrondorf bei Tübingen. Ein Grundstück in unmittel­barer Nähe zur Siedlung sollte inno­vatives und alters­gerechtes Wohnen ermöglichen. Auf dem Grund­stück stand bereits ein Bungalow, dessen Verbleib unter­sucht werden musste. Ein Vorzug der Lage ist die Nähe zum bekannten Umfeld. Diese wirkt sich positiv auf den sozialen Austausch und die Identi­fikation der Bewohner mit der neuen Wohnsituation aus.

Mit großem Interesse konnten Studierende vom KIT in einer Online-Partizipation Bewohner:innen des Viertels befragen und dadurch direkte Ein­blicke gewinnen. Im Anschluss daran entstan­den inno­vative architek­tonische Entwürfe für das Grund­stück inmitten der Siedlung. Die Studierenden berück­sich­tigten bei der Bau­aufgabe Themen wie Barriere­freiheit und Flexi­bilität, neue Cluster-Wohnformen, Senioren-WGs und gemein­schaftlich genutzte Flächen. Darüber hinaus wurde ebenfalls die Thematik des gesunden Wohnens betrachtet, die nach­haltige Bau­materia­lien und kreislauf­gerechtes Bauen integrieren.

In den folgenden Zeilen möchten wir einige Erkennt­nisse und Gedanken zu unseren aktu­ellen Heraus­forde­rungen in der Bau­wirt­schaft und zu den Anfor­derungen an eine ernst­zu­nehmende nach­haltige Architektur formulieren.

Herausforderungen

Der Klimaschutz stellt unsere Gesellschaft vor eine der größten Heraus­forderungen unserer Zeit. Gleich­zeitig bietet diese aber auch enorme Chance und Potenziale, für unsere zukünftige Art und Weise zu leben und zu arbeiten. Für den Bausektor als einem der größten CO2-Emittenten stellen sich dabei aber einige erheb­liche Fragen: Lassen sich kosten- und zeitintensive Bau­prozesse schnell genug umge­stalten? Funktioniert das mit den gleichen Lösungs­ansätzen, die zu der vorherr­schenden Situation geführt haben? Reichen die Ressourcen, um unseren Bedarf zu decken? Woher bekommen wir diese Ressourcen in Zukunft überhaupt? Woher kommt die Verbrauchsenergie?

Lebenszyklen von Gebäuden und Material

Seit geraumer Zeit wächst das Wissen, dass es nicht ausreicht den Bauprozess erst ab dem Zeitpunkt des „Spatenstichs“ zu betrachten. Wir müssen vielmehr die gesamte Kette des Bauens mit einbeziehen. Woher kommen die Baustoffe und wo gehen sie hin? Das wiederum liegt maß­geblich an der Fügung und Konstruk­tion unserer Bauwerke. Dafür müssen wir alle Prozesse zu Kreisläufen umbauen, die nach Vorbild der Natur, keinen Müll, sondern immer nur Nährstoffe für den nächsten Kreislauf produzieren. Baustoffe und Bauteile müssen so gestaltet und gefügt werden, dass sie beschädigungs- und rückstandsfrei immer wieder aus- und eingebaut werden können. Konstruk­tionen sollten robust und reparierbar sein, außerdem könnten Gebäude so flexibel geplant werden, dass sie nach ihrem ursprünglichen Zweck ohne großen Aufwand Umnutzungen zulassen oder über geplanten Rückbau in neue Bauwerke überführt werden können. Der Begriff „Urban Mining”, also die Stadt als Baustoff­lager zu betrachten und anstatt zu entsorgen wieder­zu­verwerten oder besser noch wieder­zu­verwenden, wird zukünftig eine große Rolle spielen. Aber auch das stellt nur den ersten Schritt zu einer kreislauf­gerechten Bauwirtschaft dar.

Mut zur Innovation!

Bereits heute sind wir in der Lage, kreislauf­gerechte und sortenrein konstruierte Gebäude zu planen und zu bauen. Dabei spielen mitunter längst verdrängte Techniken und Mate­rialien eine neue Rolle. Holz, Lehm und Stroh als einzelnen Rohstoffe oder in Kombi­na­tionen können mit Hilfe modernster CAD- und CNC-Technik zu qualitativ hoch­wertigen und lang­lebigen Archi­tekturen führen. Darüber hinaus ermög­lichen inno­vative Bau­weisen, frei von Kleb­stoffen und Sili­konen, ein baubiologisch gesundes Wohnen für Mensch und Umwelt.

Herausragende Innovativbauten, wie das „Haus Rauch“ in Schlins, Österreich (2005-2008) zeigen, dass zeitge­mäße Architektur mit Alther­gebrachtem neue Harmonien eingehen kann. Das Haus wurde vom Architekt Roger Bolts­hauser geplant und in dem eigens gegrün­deten Unternehmen von Martin Rauch (Lehm Ton Erde Baukunst GmbH) ausgeführt.

Material wie Lehm, Holz oder Stroh erfordert jedoch einerseits den sinn­haften Einsatz und die schlüs­sige Fügung der Konstruk­tion und anderer­seits das „Know-How“ in der Umsetzung. Daraus entstehen neue Felder und Poten­ziale in Planung und Hand­werk, aber auch in der Beteiligung der Bauherrschaft.

Der Lernprozess

Bauwillige müssen lernen, mit neuen Materialien, aber auch mit der bestehendem Bausubstanz umzugehen. Dies erfordert aber nicht nur die Bereit­schaft aller unmit­telbar am Bau Betei­ligter, sondern auch die recht­lichen Rahmen­bedingungen und Normen, die das „neue“ Bauen und eine Wende hin zum kreislauf­gerechtem Bauen ermög­lichen und absichern. Ein Holz-, Lehm- oder Strohhaus stellt unsere Planungs- und Denkkultur der Beton-Massivbauweise auf den Prüfstand. Dabei steht insbe­sondere die integra­tive Planung im Fokus, aber ebenso die gesamte Kette der Verfüg­barkeit und Bezahl­barkeit nach­hal­tiger Bauwerke. Vorschläge dazu werden von vielen Verbänden, Univer­sitäten und Vereinen bis hin zur Architekten­kammer gefor­dert. Der BDA oder „Architects for Future“ publi­zieren Manifeste und zeigen Lösungs­wege auf. Diese Diskussion muss jetzt geführt werden und schnell in Gesetzen, Normen und struktu­rellen politi­schen Entschei­dungen münden. Aber auch durch das Einfordern einer nach­haltigen Bau­weise durch die Bauherr­schaft kann der Wandel in Wirtschaft und bei Herstel­lern angestoßen werden, um eine Ent­wicklung zu einer resilienten und CO2-neutralen Ökonomie zu gestalten.

Wie wollen wir leben?

Neue kreislaufgerechte Materialien allein werden aber noch nicht reichen, um den enormen Schritt zu gehen. In allen Bereichen des Zusammen­lebens und Bauens stecken Potenziale. Wie wird eine alternde Gesell­schaft integriert? Wie hoch ist der tatsächlich Pro-Kopf-Flächenbedarf in Abhängigkeit von der Lebensphase? Wie können wir wieder stärker zusammen statt neben­einander leben? Fragen, die weit über das Planen und Bauen hinaus­gehen und dennoch unmittel­baren Einfluss haben. Wir sollten über neue Wohnformen wie Mehr­genera­tionen­häuser, Cluster-Wohnformen oder Micro-Living-Modelle nachdenken, und wo der Gemeinschaft größere Flächen ermöglicht werden, ohne auf die Vorzüge der Privatheit verzichten zu müssen. Auf diese Weise könnten Flächen besser und effi­zienter genutzt oder gar getauscht werden. Wir müssen mit neuen, frischen Ideen Alther­gebrachtes neu inter­pretieren und sinnvoll ergän­zen. Neutrale Grundrisse und eine Trennung von Funktions­schichten bei der Konstruktion ermög­lichen eine Flexi­bi­ität der Gebäude, so dass diese länger ver­schie­denen Anfor­derungen gerecht werden können. Genaues Hinsehen und daraus resul­tierende kluge Umnutzungs­strategien könnten beispiels­weise dafür sorgen, dass Parkhäuser nach ihrer Nutzung zu Wohn­bauten werden können. Oder unsere Städte könnten um ein Dach­geschoss erweitert werden, das Sonnen­energie sammelt und den Bestand versorgt. Die Trans­formation hin zu einer nach­haltigen Bauweise wird neue Chancen eröffnen, die wir schon heute durch unsere Entschei­dungen beeinflussen können. Dieser Prozess erfordert Mut und Wagnis, aber gleichermaßen auch Vernunft und Erfahrung.

Wir als Professur Nachhaltiges Bauen sehen es als unsere Aufgabe, der kommenden Generation von Architek­tinnen und Architekten die Werkzeuge und das Hintergrundwissen an die Hand zu geben, das es ihnen ermöglicht, aktiv die Transformation der Baukultur hin zu einem wert­vollen Baustein der Energie- und Ressourcen­wende mitzu­gestalten. Der Bezug zu realen und rele­vanten Themen spielt für uns dabei eine heraus­ragende Rolle. Wir freuen und deshalb über die Koope­ration mit der nestbau AG, die den Studierenden ermöglicht hat, in einer Art Reallabor wichtige Erfahrungen zu sammeln.

Verfasser:

M.A. Arch. Freier Architekt, Manuel Rausch
Teaching Assistant and Researcher at the Chair of Sustainable Construction
KIT Karlsruhe, Professur Dirk E. Hebel

KIT Karlsruhe – Campus Süd
Fakultät für Architektur
Institut Entwerfen und Bautechnik (IEB)

Mit einem Vorwort/Lektorat von:

Dipl.-Ing. Architekt, Daniel Lenz
Teaching Assistant and Researcher at the Chair of Sustainable Construction
KIT Karlsruhe, Professur Dirk E. Hebel

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© nestbau AG

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