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Vom Lehrerzimmer in die Wohnwirtschaft - berufliche Neuorientierung bei der nestbau AG

Autor/in

Rebecca Pusch Rebecca Pusch

Datum

08.07.2024

Schlagworte

  • Unternehmen

Rebecca Pusch hat von Oktober 23 bis März 24 ein Praktikum bei der nestbau AG absolviert. Sie schildert im folgenden Bericht ihre Erfahrungen als Praktikantin unserer Bürger-AG. Rebecca hat uns ins­besondere bei der Social-Media-Kom­munikation, bei Ver­anstaltungen und bei der Er­stellung der aktuellen Gemeinwohl-Bilanz unterstützt. Sie hat zudem ihre Leiden­schaft für Fotografie eingebracht, wodurch die neuen Porträtfotos des nestbau-Teams entstanden sind. Die ehemalige Gymnasial­lehr­kraft befindet sich gerade in einer beruflichen Neu­orientierung. Wir freuen uns, dass wir ihr auf diesem Weg einige hilf­reiche Impulse geben konnten.

Da stehe ich also und mache das Licht aus. Mein Blick streift noch einmal über meinen leeren Schreib­tisch. Ich bin heute die letzte im Büro – berechtigter­weise um 19.00 Uhr. Mein letzter Arbeits­tag als Praktikantin in der nestbau AG endet.

Rückblick: FairHandeln Messe 2023

Ich schlendere über die FairHandeln Messe im April 2023 in Stuttgart und über­lege, ob mich irgend­etwas hier als Quer­aus­steigerin aus dem Lehr­amts­beruf interessieren könnte. Ein Messe­stand fällt mir ins Auge, da er der einzige ist, der aus Tübingen kommt. Ich sehe die Begriffe Bauen, Mieten, Immobilien… also ich weiß ja nicht…? Dann sehe ich aber auch nach­haltig, ethisch, sicher, trans­parent, gemeinwohl­orientiert… Na, sich informieren und einfach mal trauen, nach möglichen Job-Alternativen zu fragen - das kann mir auf meinem Weg in ein Berufs­leben außer­halb des Schul­systems nicht schaden. Prompt ergibt sich ein sehr nettes Gespräch. Gunnar Laufer-Stark erklärt mir mit einem Espresso in der Hand, dass es zwar gerade keine Jobangebote bei der nestbau AG gäbe, aber in absehbarer Zeit Vorstands­nachfolger:innen gesucht würden. Lachend erwidere ich, dass ich eher auf der Suche nach einem Praktikum bin, da ich mich beruflich neu orientieren will. Und tatsächlich habe ich Glück. Von Markus Buckenmayer erfahre ich mehr über die Idee der nestbau AG und auch, dass sie tat­sächlich eine Praktikums­stelle aus­schreiben und ich mich bei Interesse einfach mal melden könne.

Zuhause geht mir die nestbau AG mit ihrer Idee einer gemein­wohl­orientierten und nach­haltigen Wohn­wende, vor allem aber auch der ein­ladende und positive Aus­tausch mit Markus, Gunnar und den anderen am Messe­stand nicht aus dem Kopf. Mit klopfendem Herzen und viel vorheriger Gedanken­arbeit schicke ich ein paar Tage später meine Bewerbungs­mail ab. Ab da geht alles ganz schnell. Das „un­ver­bindliche Treffen“, zu dem ich ein­ge­laden werde, ent­puppt sich als für mich völlig über­raschendes, schon sehr konkretes Vorstel­lungs­gespräch mit Markus und Gunnar. Im Nach­hinein ein Glück, dass ich das nicht wusste! Ich komme mir zwar etwas un­vorbereitet vor, aber mein Mut zur Ehr­lich­keit und Trans­parenz, was meine Motive zum Aus­stieg aus dem Lehrer­job und der Ver­beamtung angeht, wird be­lohnt – ich werde Praktikantin in der nestbau AG.

1. Arbeitstag: Was wird wohl auf mich zukommen?

Am 16.10.23 um 9 Uhr betrete ich meinen neuen Arbeits­platz für die nächsten Monate. Bis zu diesem ersten Tag hatte ich nicht so wirklich Vor­stellungen davon, was mich erwartet. Nervös bin ich nicht, aber an­ge­spannt schon. Schließ­lich habe ich keine Ahnung von dieser Arbeits­welt „da draußen“, außerhalb der Schule. Was macht man da den ganzen Tag eigent­lich? Und mit Immobilien und Bauen und Mieten und Gemein­wohl-Ökonomie habe ich mich bislang nicht aus­ein­ander­gesetzt.

Doch schon in den ersten Tagen tritt ein, was ich mir vielleicht erhofft, aber nicht erwartet hätte. Alle nehmen mich sehr wohl­wollend und mit viel Geduld in den Arbeits­all­tag auf. Eine klare Struktur, ein eigener Arbeits­platz, eigene Zu­gänge zum Intranet und die ersten eigenen Auf­gaben geben mir direkt das Gefühl, mit­ge­nommen zu werden und ein pro­duktiver Teil der nestbau AG sein zu können. Im Büro wird mir jede Frage ge­duldig beantwortet und erste Aufgaben werden mir gegeben. Jördis bietet mir an, sie in der Öffentlich­keits­arbeit zu unter­stützen, betont aber gleich­zeitig, dass ich mich dazu nicht ge­drängt fühlen soll. Vor allem Gunnar und Markus machen mir dann klar, wo sie mich gerne ein­setzen würden.

Meine Aufgaben bei der nestbau AG

Neben der Erstellung der Gemein­wohl-Bilanz, die bis Anfang 2024 fertig sein soll, möchte mir Gunnar zeigen, was die nestbau AG auch macht – innovative Ideen der Immobilien­branche projektieren. So fahre ich mit nach Pforz­heim zur Begehung des Luther­haus-Areals: Es soll neu gestaltet und durch die nestbau AG mit einer Mach­bar­keits­studie begleitet werden. Ich erfahre, wie langsam Stadt­ent­wicklungs­mühlen mahlen. Außer­dem wird mir die Er­stellung der CO2- Bilanz anvertraut, welche für den Bau des Pfron­dorfer „Neschtle“ geplant ist. Das bedeutet, mich in Rechnungs­belege, Material­kennungen- und größen ein­zu­arbeiten und mit Bau­firmen und Hand­werk zu telefonieren. Mit solch einer ver­antwortungs­vollen Aufgabe betraut zu werden, hätte ich nicht ge­rechnet. Nicht nur dabei werde ich mit einer Seite von mir kon­frontiert, die mir bislang weniger offen­sichtlich schien – meinem Hang dazu, etwas sehr genau machen zu wollen, um zu zeigen, dass ich schnell begreife und Dinge schnell um­setzen kann, selbst, wenn ich davon bis­lang wenig Ahnung hatte. Gleich­zeitig merke ich aber auch, dass mir eine meiner Stärken hier hilft: meine Art zu kom­mun­izieren und selbst­ständig etwas zu versuchen und bei Un­sicher­heiten lieber einmal mehr nach­zu­fragen, um es beim nächsten Mal dann besser zu können. Das er­kennen und reflektieren zu können, habe ich vor allem Markus zu ver­danken, der mich nicht nur in der Er­stellung der Gemein­wohl-Bilanz, sondern auch mit seinem Zu­trauen in mich in anderen Be­reichen, unter­stützt und mir Feed­back gibt.

Nach und nach werde ich sicherer in den Auf­gaben, die mir zu­ge­tragen werden und es kommen Be­reiche hinzu, in denen ich mich ein­bringen kann. Ich be­komme Ein­sichten in Buch­haltung und Haus­ve­rwaltungs­an­ge­legen­heit­en, lerne dutzende Ab­kürzungen der Unter­nehmens­welt, der Bau­branche und der internen Kom­munikation kennen, poste im Be­reich der Öffent­lich­keits­arbeit Bei­träge auf Social Media, lese Blog­bei­träge oder Berichte Kor­rektur, führe erste Key­word-Analysen durch, probiere mich im Business­portrait-Foto­shooting aus, schneide Videos von Ver­an­staltungen und ver­öffentliche diese auf Youtube. Auch bei Vor­trägen und Ver­an­staltungen, wie im Welt­ethos-Institut oder mit Wohn­wende­ökonom Daniel Fuhrhop, kann ich vor­bereitend unter­stützen. Aber schnell ist es nicht nur das „Ab­arbeiten“ von Auf­gaben, was meinen Arbeits­tag aus­macht. Sondern auch das Aus­ein­ander­setzen mit und Be­sprechen von Ideen, Vor­gehens­weisen, Heraus­forder­ungen oder Zielen. Ich fühle mich ein­ge­bunden und auf­ge­nommen in das Team und die Vision, die die nestbau AG aus­macht.

Jahreswechsel - ist es wirklich nur ein Praktikum?

Nach dem Jahres­wechsel merke ich, dass die Zeit un­glaublich schnell ver­geht und ich mir Ge­danken darüber machen muss, wie meine nächsten Schritte nach dem Prak­tikum in der nestbau AG aussehen. Nach­dem klar ist, dass es mich für ein paar Monate nach Hamburg ver­schlagen wird, ver­längert Gunnar völlig un­problem­atisch und wohl­wollend meinen Praktikums­vertrag um einen Monat, so­dass mein Über­gang in die nächste Phase un­kompliziert ver­laufen kann und ich somit auch noch das Richt­fest in Pfron­dorf und den Ab­schluss der nächsten Gemein­wohl-Bilanzierung mit­bekomme. Ich bin dank­bar für dieses En­tgegen­kommen und seine Unter­stützung – nicht nur mit dem Vertrag, sondern in meiner ganzen Orientierungs­phase, für die er mir immer wieder wert­vollen Input und Rück­meldungen gibt.

Sowieso fühlt es sich nicht so an, als sei ich „nur“ eine Praktikantin. Ja, ich fülle keine eigene Stelle aus und ja, es ist klar, dass meine Zeit bei der nestbau AG be­grenzt sein wird. Aber ich spüre das an keinem Tag, an dem ich dort bin. Neben den fairen Vertrags­bedingungen, die mich als Arbeits­kraft wert­schätzen, sind es die kleinen Kaffee­pause­nge­spräche in der Küche oder zwischen­durch, die sich nicht wie Small­talk an­fühlen, sondern Be­deutung haben. Be­dürfnisse werden ge­sehen und wo möglich berück­sichtigt, immer aber ver­sucht zu besprechen. Das Mit­einander ist lustig, offen, vertraut und produktiv und die Stim­mung, wenn nicht gerade das Regen­wetter den Bau des „Neschtles“ erschwert, die Bau­zinsen in die Höhe schießen oder eine Krank­heits­welle an­rollt, zukunfts­orientiert, sozial und geprägt von der Vision einer besseren Welt, die wir selbst ge­stalten können. Dieser Gemein­wohl­gedanke setzt sich in mir fest in den Monaten, die ich in der nestbau AG ver­bringe und ich gehe mit einem un­glaublichen Wissens­schatz, einer großen Dank­barkeit an all die tollen Menschen, die hinter der nestbau AG stehen, und einer enormen Persönlichkeits­entwicklung aus diesem halben Jahr heraus.

FairHandeln Messe 2024: Der Kreis schließt sich

Ein paar Wochen nach meinem letzten Arbeits­tag im Schleif­mühleweg stehe ich wieder auf der FairHandeln Messe 2024 in Stuttgart. Diesmal mit Namens­schild und einem selbst­bewussten Lächeln am Stand der nestbau AG. Nicht als feste Mit­arbeiterin, aber als ehe­malige Praktikantin, die sich mittler­weile mit der Idee des gemein­wohl­orientierten Miet­wohn­bauens identifiziert. Ich informiere Interes­sierte zur Idee des Pfrondorfer „Neschtle“ oder der nestbau AG als Bürger-Aktien­gesell­schaft und teile Zeich­nungs­scheine aus. Wer hätte das vor einem Jahr ge­dacht?

Seit der ordentlichen Hauptversammlung vom 28.06.2024 ist Rebecca Pusch Mitglied des Aufsichtsrats der nestbau AG. Wir freuen uns sehr, dass sie uns damit in anderer Rolle für die nächsten drei Jahre erhalten bleibt.

Hauptversammlung 28.06.24 - Optimismus trotz Bau-Krise nestblick-07-2024

© nestbau AG

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