Spannende Debatte "Wie können wir in Zukunft wohnen?"
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Einfamilienhäuser...
...es darf kein einziges mehr dazukommen!
Diesen Akzent setzte nestbau-Gründer Gunnar Laufer-Stark gleich in seinem Begrüßungs-Statement.
Die kleinen Häuser sind schon überall, auf dem Land ebenso wie mitten in Städten. Und es sind viele: mehr als vier von fünf Gebäuden: Einfamilienhäuser (EFH). Sie prägen viel mehr als nur das wohnen in Deutschland. Doch der Reihe nach. Die nestbau AG hatte den Architekten und Wohnforscher Dr. Jan Engelke von der TU München eingeladen
Jan Engelke machte zunächst eindrucksvoll klar: wie unglaublich beherrschend ihre schiere Zahl die bundesrepublikanische Siedlungswirklichkeit prägt. Und analysierte kundig, wie sich ihr Siegeszug insbesondere nach dem Krieg erklären ließ, wie er politisch gepusht wurde und welchen Funktionen diese massive mehrdimensionale Förderung hatte.
So sehr er auch das Pointierte mag ("das Einfamilienhaus ist eine sexistische Wohnform") - Engelke drosch nicht auf Einfamilienhäuser (EFH) und ihre Siedlungen ein. Sondern wollte genauer verstehen. Und Ideen für einen zukunftsfähigen Umgang mit ihnen entwickeln.
Gut besuchte Veranstaltung mit diskussionsfreudigem und kompetentem Publikum. Hier beim kundigen Grußwort des Baubürgermeisters schon alles zum anschließenden Apéro vorbereitet
Tübinger Initiativen machen den Anfang
Zunächst aber hatte die nestbau als Veranstalterin explizit drei wohnpolitische Gemeinwohlinitiativen eingeladen, sich vorzustellen und auch für solidarische Geldanlagen zu werben - denn dies Thema beschäftigt alle sehr stark.
nestbau-Gründer Gunnar Laufer-Stark machte klar, dass er die nestbau von Anfang an als Teil der Gemeinwohl-Wohnszene in Tübingen gesehen hat und das gegenseitige Empowerment ein wichtiger Erfolgsfaktor für die aktuelle Tübinger Verbreiterung der Szene sei. Und er warb dafür, die Gemeinwohl-Szene mit dem dringend benötigten solidarischen Geldanlagen aus privater Hand zu unterstützen. Ganz aktuell im Rahmen der laufenden Kapitalerhöhungs- und Genussrechtskampagne der nestbau AG selbst. Und auch bei den befreundeten Initiativen, die er damit auf die Bühne bat:
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Unterjesingen. gut. leben - in jedem Alter- Uli Otto stellte die ambitionierte Genossenschaft vor. Als Projektsteuerer seitens der nestbau und als überzeugter Genossenschafter und auch ehrenamtlich umfangreich Involvierter. Am 10.10. ist feierlicher Spatenstich - nach Jahren also geht es tatsächlich los mit dem ungeheuer komplizierten Projekt. Es wird das einfamilienhausgeprägte Unterjesingen um ganz vieles bereichern, was in dieser Siedlungsstruktur so Mangelware ist:
Pflegeplätze im eigenen Ort, die Hausarztpraxis, barrierefreie Wohnungen - darunter zwei Mitarbeitenden-Wohnungen - und einen öffentlichen Stadtteiltreff in der denkmalgeschützten Scheune
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die "Münze 13": das denkmalgeschützte Haus gegenüber der alten Aula. Ein Projekt des Mietshäusersyndikats, zugleich ein wertvolles Denkmal, ein erheblicher Sanierungsstau. Und ebenfalls noch dringend benötigte ca. 200.000 € an solidarischem Geld.
Helene und Daniel stellten das Projekt vor -
die Neustart eG, die das "Maribu"-Projekt für 350 Leute realisieren möchte. Ein faszinierender regelrechter Gegenentwurf zum Einfamilienhaus in fast allen Dimensionen: Dichte, Gemeinschaftsnutzungen, Flächensparsamkeit...
beispielhafte soziale Infrastruktur genossenschaftsintern von Neustart: solidarisch leben + wohnen eG in der Isometrie (Süd-Ost). Bild: partner und partner Architekten, Berlin
Wie die nestbau AG selbst: alle drei warben eindringlich um Geld - für völlig unterschiedliche Projekte, die allesamt Tübingen lebendiger, bezahlbarer, gemeinwohlorientierter machen.
Bau-Bürgermeister Cord Soehlke machte klar, wie wichtig die bürgerschaftlichen Wohninitiativen für eine erfolgreiche Tübinger Wohnpolitik sind. Er war einmal mehr mit weit mehr als einem Grußwort dabei. Er machte deutlich, an wie vielen Stellen die Stadt Tübingen versucht, die Anliegen der Veranstaltung für lebenslaufangemessenes Wohnen und verantwortungsvollen Umgang mit Wohnkrise und Bodenpolitik ganz konkret einzulösen.
83% der Gebäude sind EFH
Der erste Vortragsteil zeigte die Empirie: Das EFH hat einen unglaublichen Siegeszug in Deutschland absolviert und dominiert die Siedlungsstruktur auf Jahrzehnte.
Im zweiten Vortragsteil macht Engelke anhand einer Analyse der Zeitschrift "Schöner Wohnen" klar: Das Einfamilienhaus ist beileibe keine neutrale Wohn- und Siedlungsform. Sondern prägt - intentional - Familienbilder und Geschlechterrollen, transportiert gesellschaftspolitische Ordnungsvorstellungen - war auch "Bollwerk gegen den Sozialismus", prägt Mobilitäts- und Erwerbsmuster u.v.a.m.
Im dritten Vortragsteil ging es um Perspektiven: was lässt sich aus der Ressource Einfamilienhaus machen? Welches sind die Qualitäten und Potenziale - denn es geht ja gar nicht anders: der Bestand an gebauten Häusern ist riesig und aus ihm muss der Löwenantei von Lösungen generiert werden. Engelke zeigte verblüffende Ideen eines Berliner Projektseminars mit Studierenden. Und machte damit klar:
Einfamilienhäuser haben riesige Potenziale...
...aber sie im größeren Maßstab zu heben ist ein richtig dickes Brett. Engelke zeigte drei inspirierende Ideen, sie zu heben, die Vorteile des Einfamilienhauses mehr Menschen zu öffnen. Denn es sind ja heute gerade mal 1.8 Menschen, die im Schnitt in diesen zu großen zu kleinen Häusern leben. Witzige und bedenkenswerte Ideen der Studierenden - sie zeigten, wie ohne einengende Schere im Kopf Potenziale freigelegt werden können. Und in der Diskussion war es mit das Spannendste, wie stark die Sympathien für diese Radikalität waren und wie ungeheuer mühsam es ist, wenn "die Realitäten" differenziert hinzugedacht werden. Große schnelle skalierbare Lösungen?... wahrscheinlich eher nicht, sondern ein beharrliches und sorgfältig einzelfallbezogenes Beraten, Überzeugen, Dran-Bleiben...
Suffizienz? Auf dem Bild ist mal alles im Garten präsentiert, was sich so in einem typischen geräumigen Einfamilienhaus ansammelt an Konsumgütern, Genutztem und Ungenutztem