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Wohnen auf Höhe der Zeit – Das „Neschtle“ in Pfrondorf

Autor/in

Annette Guthy Annette Guthy

Datum

20.07.2023

Schlagworte

  • Projekte
  • Politisches
  • Pfrondorf

Wie schaffen wir es, Zielkon­flikte zwischen Wohn­raum­versor­gung und Klima­schutz im Bau­sektor ganz­heit­lich zu be­trach­ten und zu lösen? Wie schaffen wir es, dem rein quanti­tati­ven Wohn­raum­mangel zu begeg­nen, wenn bauen, bauen, bauen im Sinne des Klima­schutzes nicht unsere Lösung sein kann? Das sind die wich­tigen Fragen, die es gesamt­gesell­schaft­lich und politisch zu beant­worten gilt, um die soziale und ökolo­gische Trans­formation im Bau­sektor anzugehen.

In Bezug auf die Klimakrise reicht es also nicht aus, beim Thema Wohnen Akzente zu setzen, wir benö­tigen auf struktu­reller Ebene eine Lösung. Wenn die Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutsch­land konti­nuier­lich zunimmt, aber gleich­zeitig immer ungleicher verteilt wird, können wir der sozialen Wohn­raum­krise nicht mit der Strategie des Bauens begegnen. Ein „weiter so“ kann also allein schon aus Klima­schutz­gründen nicht funktionieren.

Was also tun?

Der Zusammenhang zwischen Wohnen und Klima ist noch nicht im gesell­schaft­lichen Diskurs ange­kommen, anders als etwa das Mobili­täts­ver­halten oder die Ernährung. Dabei ist die Wohn­raum­versor­gung einer der großen Einfluss­faktoren, was den CO₂-Ausstoß anbe­langt. Der demo­grafische Wandel hin zum Ein­personen­haushalt sowie der Remanenz­effekt, der beschreibt, dass Menschen nach dem Auszug von Haushalts­mitglie­dern in nun eigent­lich zu großen Wohnungen weiter­wohnen, führt zu stei­gender Wohn­fläche pro Person.

Nun gibt es sowohl von Seiten der Politik als auch von Seiten der Wissen­schaft Initia­tiven und Anre­gungen zu einem Wohnungstausch.

Wie schaffen wir eine nach­haltige Wohnraumversorgung?

Unser Flächenbewusstsein erfordert einen kultu­rellen Wandel. Darüber hinaus braucht es aber vor allem Anreize für einen frei­willi­gen Umzug, um die Wohn­raum­versor­gung gerechter zu gestalten. Dafür muss aber zunächst ein Alter­nativ­angebot an Wohnraum für Senio­rinnen und Senioren vorhanden sein, das nicht nur finan­zierbar, sondern im Ideal­fall auch deutlich attrak­tiver ist als das Verbleiben im Bestand (zum Beispiel durch Barriere­freiheit). Das ist ein nicht zu unter­schätzender Bereich im Bestands­wohnen, bei dem man strukturell ansetzen kann, um eine Trans­formation im Wohnsektor zu erreichen.

Ein Modell-Projekt für zukünftiges Wohnen – Unser „Neschtle“ in Pfrondorf

Wir bauen unser „Neschtle“ mit suffi­zienten und barriere­freien Grund­rissen. Wir fragen also wirklich: Wieviel Wohnraum ist genug?!

Zu Beginn unserer Planung haben wir zusammen mit den Studierenden des KIT in Karlsruhe eine Bedarfs­analyse mit Senio­rinnen und Senioren aus Pfrondorf durch­geführt. Welche Impulse braucht es, damit sich Senior:innen einen Umzug aus ihrem zu groß gewor­denem Zuhause vorstellen können?

Die Antwort ist ein barrierefreies Haus, welches Platz und Raum für einen Rück­zugs­bereich hat, aber auch Gemein­schafts­räume bietet, die ein Wir-Gefühl entstehen lassen. Das „Neschtle“ bietet Wohn­raum, der die gegen­seitige Unter­stützung der Bewoh­nenden ermög­licht und fördert. So hat dieses Modell-Projekt in Pfrondorf auch eine Antwort auf den demo­gra­fischen Wandel. Denn wir brauchen in einer alternden Gesell­schaft – bei zugleich indivi­dueller gewor­denen Familien- und Lebens­situationen – neue Versor­gungs­konzepte, um den Fach­kräfte­mangel in Pflege und Betreuung zu kompen­sieren. So können beispiels­weise verbind­lichere Nachbar­schaften und Wohn­gemein­schaften dazu beitragen, länger selbst­bestimmt außer­halb einer betreu­ten Wohn­situation zu leben.

Ein Haus mit vielen Auswirkungen

Die Idee des „Neschtles“ ist die eines Haus­tausches mit erhöhtem Wirkungs­grad und gegen­seitigem Nutzen. Wir setzen den in den Medien viel zitierten „Haustausch“ real um, verbessern die Wohn­situation aller Betei­ligten und opti­mieren gleich­zeitig den Wohn­flächen­verbrauch im Neubau und im Alt­bestand. Wir bewirken mit dem Bau eines neuen Quadrat­meters Wohn­fläche, dass im Bestand mindestens zwei Quadrat­meter Wohn­fläche frei werden und zur besseren Wohn­raum­versor­gung zur Verfügung stehen.

Senior:innen haben in Deutschland deutlich mehr Wohn­raum zur Verfü­gung als jüngere Genera­tionen. Haushalte, in denen die Haupt­einkommens­bezieher mindestens 65 Jahre alt waren, nutzten im vergan­genen Jahr pro Person durchschnittlich 68,5 Quadrat­meter Wohnfläche, wie das Statistische Bundesamt im Juni 2023 mitteilte. In unserem „Neschtle“ liegt die durch­schnitt­liche Wohn­fläche pro Person bei 44,5 Quadrat­metern. Wir wollen mit flächen­effizienten Wohnungs­grundrissen und dem gemein­schaft­lichen Wohn­modell der begrenzten Verfüg­barkeit von Boden begegnen.

Zusätzlich ermöglicht suffizientes Bauen bei zugleich hoher Wohn­qualität eine ganz­heit­liche Klima­strategie im Bau­sektor. Denn um das EU-Ziel des klima­neutralen Europas bis 2050 zu erreichen, muss der Ressourcen­verbrauch im Gebäude­sektor deut­lich reduziert werden. Dies ist eine gewal­tige Heraus­forderung, die schon in naher Zukunft einen Wandel erfordert. Um diese Heraus­forderung anzu­gehen, brauchen wir neben der Bau­wende vor allem eine Wohn­wende. Suffizientes Wohnen, also die Frage, „wie viel Wohnraum benötige ich wirklich“, und echte Anreize für eine Wohn­raum­opti­mierung spielen hierbei die entscheidende Rolle.

HV 23.06.: Krise im Bauwesen – weitere Kapitalerhöhung für Modellprojekt – Vorstellung des Jahresabschluss nestblick 07-2023

© nestbau AG

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