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Die nestbau AG ist wieder gemeinwohlbilanziert!

Autor/in

Markus Buckenmayer Markus Buckenmayer

Datum

08.05.2024

Schlagworte

  • Politisches
  • Unternehmen

Bereits seit 2018 ist die nestbau AG Mitglied der Gemein­wohl-­Ökonomie und erstellt eine Gemein­wohl-­Bilanz. Wir zeigen damit, dass der Zweck des Wirtschaften mehr ist und mehr sein muss, als die Mehrung finanzieller Mittel. Wir sind über­zeugt, dass sich eine zukunfts­fähige Wirtschaft an realen Bedürf­nissen orientieren und letztlich ein "gutes Leben für alle" ermöglichen muss.

Was ist eigentlich der Zweck des Wirtschaftens?

Die Gemeinwohl-­Ökonomie ist eine zivil­gesell­schaftliche Bewegung und wurde 2010 von Christian Felber in Wien initiiert. Im seinem gleich­nahmigen Buch beschreibt er die Vision einer Gemeinwohl-­Ökonomie. Diese setzt bei der Frage nach dem Zweck des Wirtschaftens an. Felber zeigt, dass Wirtschaften zum Zwecke der Geld­vermehrung keines­wegs selbst­verständlich ist. Bereits Aristoteles unterschied zwischen oikonomia der (Haus)­wirtschaft (oikos = altgr. Haus), mit dem Ziel des gutes Lebens für alle (relevanten) Haushaltsmitglieder und chrematistiké der Kunst des Gelderwerbs. Letztere hielt er für schädlich. Auch in fast allen modernen Ver­fassungen finden sich Passagen, die eine Gemein­wohl­verpflichtung wirtschaftlicher Aktivität festschreiben. Besonders deutlich ist hier die bayrische Verfassung:

„Die gesamte wirtschaftliche Tätig­keit dient dem Gemein­wohl, ins­besondere der Gewähr­leistung eines menschen­würdigen Daseins für alle und der all­mählichen Erhöhung der Lebens­haltung aller Volks­schichten.“ - Bayerische Verfassung (Art. 151 Abs. 1)

Letzlich ist das Ziel der Gemein­wohl-Ökonomie eine Aus­richtung des Wirtschafts­system an unseren verfassungs­gemäßen Grund­werten. Verein­facht aus­gedrückt: Es geht um eine demokratie­konforme Wirt­schaft im Gegen­satz zur "markt­konformen Demokratie".

Wirt­schaftliche Erfolgs­messung und die Frage, was wirklich zählt

Die heute weit ver­breitete Auf­fassung von gutem Wirtschaften als Gewinn- oder Rendite­maximierung verwechselt eines der wichtigsten Mittel moderner Wirtschafts­tätigkeit (Geld) mit deren Zweck (Befriedigung menschlicher Bedürfnisse). Geld ist in unserer Gesell­schaft ein sehr mächtiges Instrument. Es kann damit sowohl für sehr wichtige und gute, als auch für furchtbare Dinge eingesetzt werden. Wird Geld zum Selbst­zweck, ist seine Wirkung nicht selten zerstörerisch. Häufig ist diese Zerstörung nicht un­mittelbar erleb­bar, sondern spielt sich auf der anderen Seite der Erde, in den Ur­wäldern und Meeren oder in einer anderen Gesellschafts­schicht ab, so dass die Ver­ursacher:innen seltenst direkt mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert sind.

Ein hoher Gewinn sagt nichts darüber aus, wie er zu Stande kam und wofür er ein­gesetzt wird. Wurden dabei reale Bedürf­nisse befriedigt oder mit exzessiver Werbung "Bedürf­nisse" erst erzeugt und Massen­konsum befördert? Wurden im Produktions­prozess Mensch und Natur aus­gebeutet? Fließt der Gewinn zurück ins Unter­nehmen? Werden die Mit­arbeitenden am Gewinn beteiligt oder schöpfen einige wenige Eigen­tümer:innen oder Kapital­investor:innen den Gewinn ab? Werden aus Über­schüssen soziale Projekte gefördert? Und wie trans­parent agiert eigentlich das Unter­nehmen?

Dies sind für die Lebens­qualität in einer Gesellschaft alles hoch­relevante Fragen, nichts­desto­trotz wird häufig allein auf­grund eines hohen Gewinns von "erfolg­reichen Unter­nehmen" gesprochen. Dies spiegelt die Ausrichtung auf Geldvermehrung wieder, nicht aber die in der Verfassung verankerte Idee des Gemeinwohls. Um unternehmerischen Erfolg tatsächlich zu messen, muss der längst gesetzlich vor­geschriebenen Finanz­bilanz eine Werte­bilanz hinzu­gefügt werden. Nur in Kombination von beidem kann tat­sächlich bewertet werden, ob ein Unter­nehmen als erfolg­reich gelten kann oder nicht.

Diese Lücke schließt die Gemein­wohl-Bilanz. Sie besteht aus einer Matrix, welche die Werte der Gemeinwohl-­Ökonomie, nämlich Menschen­würde, Solidarität & Gerechtig­keit, Nach­haltigkeit, Trans­parenz & Mit­bestimmung, mit den Berührungs­gruppen einer Organisation verknüpft. Hier­durch entstehen 20 Matrix­felder, welche systematisch fragen, wie die Organisation die verschiedenen Werte gegen­über ihren Berührungs­gruppen lebt. Auf diese Weise zeigt die Gemein­wohl-­Bilanz z.B. ob ökologisches Ver­halten der Mit­arbeitenden unter­stützt oder behindert wird, in­wie­fern sich die Organisation für menschen­würdige Arbeits­bedingungen in der Liefer­kette einsetzt, wie hierarchisch das Unter­nehmen strukturiert ist und ob wichtige Daten transparent sind.

Gemeinwohl-Bilanz - Aufzeigen struktureller Probleme und die kooperative Suche nach Lösungen

Für jedes Matrixfeld gibt es sogenannte Bewertungs­stufen, welche mit einer Punkt­zahl hinter­legt sind. Ins­gesamt könnte eine Organisation maximal 1.000 Punkte erreichen, es gibt jedoch auch bis zu 3.600 Minus­punkten z.B. für die Miss­achtung gesetzlicher Vorschriften, Praktikten von Steuer­vermeidung und Aus­nutzung von Markt­macht. Dies führt dazu, dass viele große Unter­nehmen wah­rscheinlich sogar eine negative Gesamt­punktzahl hätten, müssten sie eine Gemein­wohl-­Bilanz erstellen.

Die Gemein­wohl-­Bilanz macht auch strukturelle Probleme unseres Wirtschafts­system sicht­bar und nimmt die Unter­nehmen dafür in die Verantwortung. Dies träfe Unter­nehmen besonders hart, die in ihrer Firmen­politik bewusst Gewinn vor gesellschaftliche Ver­antwortung stellen, aber auch Unter­nehmen, die sich für Gemein­wohl einsetzen, sind davon betroffen, wenn sie in einer Branche agieren, in der problematische Zustände üblich sind. Dies kann bedeuten, dass ein Unter­nehmen z.B. sehr viel tut, um seine Liefer­kette menschen­würdiger und ökologischer zu gestalten, jedoch trotz­dem nicht sehr hoch bewertet wird, weil es die benötigene Vorprodukte bis­her schlicht nicht ökologisch und fair gibt. Dies ist z.B. bei Elektronik über­wiegend der Fall. Zum Teil trifft dies auch auf die Bau­branche zu, in der es zwar mehr und mehr ökologische Alter­nativen gibt, die ökologischen Aus­wirkungen von Gebäuden aber dennoch meist weit über dem liegen, was ökologisch geboten wäre. Ebenso werden häufig Roh­stoffe verwendet, deren Liefer­ketten in­transparent sind, wodurch das Aus­schließen un­würdiger Arbeits­bedingungen sehr schwierig ist. Eine Unter­nehmens­beratung wird sich in diesem Bereich zum Bei­spiel deutlich leichter tun. Dies mag auf den ersten Blick un­fair erscheinen, ist jedoch aus politischer Sicht richtig, da es letztlich um die Ver­besserung der Zu­stände geht und nicht um einen Punktewettbewerb zwischen den gemeinwohlbilanzierten Unternehmen. Eine Gemein­wohl-­Bilanz kann also auch eine Methode sein, um transparent zu machen, dass das Unter­nehmen bisher keinen Weg gefunden hat, wünschen­werte Zustände in der Liefer­kette sicher­zu­stellen. Im Ideal­fall kann damit Druck auf die Politik ausgeübt werden und es können sich Stake­holder mit Lösungs­vor­schlägen an das Unter­nehmen richten. Die Gemein­wohl-­Ökonomie möchte auch eine Zurück­drängung des Wett­bewerbs und eine Renaissance des ko­operativen Wirtschaftens. In diesem Sinne gilt für die GWÖ-Bilanz das­selbe wie für Geld in der Wirtschaft allgemein. Sie ist nur ein Instrument, das versucht gemein­wohl­orientiertes Handeln zu ermöglichen und kein Selbstzweck.

Eine Gemein­wohl-­Bilanz sollte daher keinesfalls auf die bloße Punkt­zahl reduziert werden: Es geht nicht darum die höchste Punktzahl zu erreichen, sondern um das kooperative Suchen nach Lösungen für gesell­schaftliche Probleme.

Die Gemeinwohl-Bilanz der nestbau AG

Die nestbau AG war und ist seit ihrer Gründung immer auch ein gesellschafts­politisches Projekt. Der Gründungs­impuls bestand darin, bezahl­baren Wohn­raum zu schaffen und gleich­zeitig eine um­fassend ethische und transparente Geld­anlage anzu­bieten. Die Gemein­wohl-­Bilanz hat der nestbau AG ein Werk­zeug in die Hand gegeben, mit der sie ihre Wert­haltung systematisch prüfen und trans­parent kommunizieren kann. Gleich­zeitig gibt der Bilanzierungs­prozess immer wieder Impulse für eine Weiter­entwicklung des Unter­nehmens: Durch die Gemein­wohl-­Bilanz 2018 wurde beispiels­weise die systematische Beschäftigung mit ökologischen Bau­stoffen angestoßen. Die Analyse der Liefer­kette zeigte uns, dass hier ein potenziell großer Hebel für ökologische Ver­besserungen liegt. Auf der Ebene der Mit­arbeitenden hat die aktuelle Gemein­wohl-­Bilanz die Themen Mit­bestimmung und kollegiale Führung auf die Agenda gesetzt. Auch wenn wir uns letztlich gegen ein kollegial geführtes Unter­nehmen entschieden haben, waren dies wichtige Prozesse für die Weiter­entwicklung des Unter­nehmens.

Mit 540 Punkten haben wir wieder eine über­durch­schnittlich hohe Bewertung erhalten. Wir freuen uns über diese Wert­schätzung! Die nestbau AG wird weiter wo immer möglich gemeinwohl­orientiert wirtschaften, sowie die Bewegung der Gemein­wohl-­Ökonomie in ihrem Engagement für ein nach­haltiges und soziales Wirtschafts­system unterstützen.

Übrigens: Nur durch das Engagement unserer Aktionär:innen können wir weiterhin Beispiel für gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften sein und ökosozialen Wohnraum schaffen. Engagieren auch Sie sich und nehmen Sie Kontakt auf oder kaufen nestbau Aktien!.

Quellen:

Felber Christian (2018), Gemeinwohl-Ökonomie, Piper Verlag

FAZ Artikel zur ökonomischen Lehre von Aristoteles (kostenlos, Registrierung erforderlich)

Bayrische Verassung Art. 151

nestblick-05-2024 Video: Ein Modellprojekt mit Impact – unser „Neschtle“

© nestbau AG

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