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Zürcher Vorreiter für Tübinger Neustart eG?

Autor/in

Prof. Dr. Ulrich Otto Prof. Dr. Ulrich Otto

Datum

15.09.2025

Schlagworte

  • Bericht
  • Projekte
  • Netzwerk
  • Veranstaltung

Tipp: Architekturentwürfe für Modellquartier ausgestellt

Aktuell gibt es im Tech­ni­schen Rat­haus Tübin­gen eine span­nende Aus­stellung: gezeigt werden noch bis 26.09. die 5 prä­mierten Ent­würfe eines Archi­tektur­wett­be­werbs. Einschlä­gig Interes­sierten sei sie herz­lich empfohlen. Eine der spannend­sten Fragen dort: wie gehen die Entwürfe mit den mäch­tigen sehr tiefen Kuba­turen um - die Neu­start Tübingen letzt­lich von den Schweizer Pro­jekten inspi­riert in den Tübin­ger Bebauungs­plan einge­bracht hatten...
2003_Modellbild_copyright-sanwaldstraub-2048x1371 Bild: Sanwaldstraub

Die Planungs­aufgabe hatte es in sich - denn die Vorga­ben für das genos­sen­schaft­liche "Neustart"-Modell­quartier in der Marien­burger Straße sind in vielen Punkten Neu­land. Zumin­dest für Deutsch­land, selbst fürs wohn­po­litisch inno­vative Tübin­gen.

  • Es soll Wohn­raum für rund 380 Men­schen geben,
  • mit ganz viel Begeg­nung, Diver­sität und Leben­dig­keit.
  • Zugleich extrem ver­dichtet und
  • auf äußerst begrenz­ten indivi­duellen Wohn­flächen.
  • Dafür mit einem reichen Ange­bot an soli­da­rischer und gemein­schaft­licher Infra­struktur.

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Ideengeberin "Neu­start Schweiz"

Die heutigen Kon­turen des "Maribu"-Projekts (Name inspiriert von der Marien­burger Straße) sind in einem jahre­langen hoch-partizi­pativen Prozess gereift. Und schon der Name signa­lisiert es: sehr viele Ideen sind inspi­riert von der Neu­start-Schweiz Bewe­gung.

  • Die Tübinger Akti­vist:in­nen haben die Bücher (z.B. "Nach­hause­kommen") gelesen,
  • luden die Schweizer Vor­reiter ein
  • und fuhren mehr­fach zu wohn­poli­tischer Exkur­sion in die Schweiz.

Für wie inno­vativ sie in der Fach-Szene gehal­ten werden zeigt sich auch darin, dass sie Ins IBA’27-Netz aufge­nom­men wurden, in die Inter­na­tio­nale Bauaus­stellung 2027 in Stuttgart. Und hier schließen sich nochmals deutsch-schweize­rische Kreise,

  • kommt doch der IBA’27-Inten­dant Andreas Hofer aus Zürich.
  • Vor seinem Vor-IBA’27-Leben hat er eines der inter­na­tional meist­beach­teten Modell­quartiere in Zürich maß­geb­lich mitent­wickelt hat: das Hunzi­ker-Areal mit der mehrals­wohnen-Genos­sen­schaft. Es ist ein 1.250-Men­schen-Quar­tier, in das vor knapp zehn Jahren die ersten Bewoh­nenden einge­zogen sind.
  • nestbau-Co-Vor­stand Uli Otto kennt ihn und dies Quar­tier seit Jahren - war er doch bis vor kurzem sehr aktiv in der Wohn­for­schung engagiert.
  • Ausgerech­net sein letztes - und viel­leicht liebstes - Schwei­zer For­schungs­projekt drehte sich genau um dieses Hunzi­ker-Quartier ... das in so vielem auch Pate stand für das Tübinger Neu­start-Projekt.
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Hier einige zen­trale Einblicke in die Ergeb­nisse:

Das Hunziker-Quartier: Ist es über­zeu­gend älter geworden?

Aus einer Industriebrache an einem vor­mals ziemlich unwirt­lichen Ort eine dichte urbane Oase für ganz viele ganz diverse ganz normale Menschen machen. Dabei auf so vielen Ebenen gleich­zeitig Neuland betreten, wie in anderen Pro­jekten eher selten – kann das gelingen? Im Hunzi­ker Areal wurde es versucht. Auch deshalb wird das Projekt von vielen als ziemlich einzig­ar­tiges Konzept gesehen.

Neue Studie fragt mit Längs­schnitt-Perspek­tive:

Was ist von den Inten­tionen und Visionen real geblie­ben, was von den Befürch­tungen? Wie haben sich Akteurs-Konstel­la­tionen und Partizi­pations­formen entwickelt? Wie geht das auf Dauer – so dicht, so kompakt, mit so wenig Wohn­fläche in großer Diver­sität zusammen­zuleben? Wie hat sich die Bewoh­nenden-Mischung entwickelt? Wie haben die Innovationen sich bewährt, welche Wir­kungen sind tatsäch­lich einge­treten, nicht nur auf dem Papier?
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Neues Normal in genossen­schaft­lichem Real­expe­riment im Quartiers­maßstab

Die Studiener­geb­nisse sind unge­heuer lehrreich, lohnend gerade auch aus Perspektive der IBA’27-Ziele.

Hier nur ausgewählte Andeutungen zu den Befunden:

  • Die schiere Größe des Projekts macht die Diver­sität einfacher, ebenso wie die Anpas­sung an indivi­duelle und haus­haltliche Entwick­lungen im Lebens­lauf oder sich wan­delnde Priori­täten im Zeit­ablauf. Und obwohl auf jede erwachsene Person letztlich weniger als ein Quadratmeter Gemeinschaftsfläche kommt, ist das Angebot gemein­schaftlicher und Sharing-Nut­zungen äußerst differenziert – aber zugleich ebenso wirt­schaft­lich wie flächen­sparsam.
  • Das Potenzial der Nahraum-Umzüge ist beträcht­lich, könnte aber durch deut­lichere Mode­ration noch einiges stärker werden. Gemeinschaftlichkeit und Genera­tio­nenwohnen ist zugleich viel unauffälliger und undog­ma­tischer unterwegs – nicht zuletzt durch die gestufte Vielzahl von Bezügen auf den miteinander verschränkten Maßstabs­ebenen: von der kleineren Einheit des Groß­haus­halts über die Einzel­haus-Beleg­schaften bis hin zu quartier­lichen Nach­bar­schaften. Das macht das Gesamt­projekt resi­lienter gegen­über je einzelnen Beziehungs­problemen.
  • Faszinierend: erfolg­reiches Mehr-als-wohnen (so heißt die tragende Genos­sen­schaft zugleich) hängt dort keines­wegs davon ab, dass der Löwen­anteil der Bewoh­nenden die Ursprungsideen bei Einzug und im weiteren Verlauf aktiv verinnerlicht. Oder schon lang­jährig am Entstehungs­prozess beteiligt war.
  • Es ist ein zugleich quietsch­lebendiges, hunz-normales und bestens alternstaugliches Quartier. Mit robustem Wohnen für alle, mit vielfältigsten Übergängen zwischen verschie­denen Woh­nungen und Wohn­formen im Lebens­lauf, mit struk­turell starken Poten­zialen für Caring Commu­nities. Jede Menge Humus für das Entste­hen von »Wahlver­wandt­schaften« und »Bastel­nach­bar­schaften« – weniger statisch und homo­gen, mehr selbst konfi­guriert und poten­ziell viel­fältiger.
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Mit dem Hun­ziker Areal ist ein Quar­tier ent­standen, in dem die Men­schen in hohem Maße zufrie­den sind, wie sie Viel­falt leben können. Ohne ein­engend erlebte Erwar­tungen mit Bezug auf Lebens­stile, Sich-Einbringen usw. Die mehr­dimen­sionale Norma­lisie­rungs­stra­tegie ist weit­gehend aufge­gangen: eine ganze Bevölkerung in ihrer Heterogenität und Diver­sität abzu­bilden. Und eben keine einsei­tige Aus­wahl.

Viele weitere span­nende Erkennt­nisse…

beziehen sich auf die Themen

  • suffizient bauen, leben und wohnen – nicht zuletzt auf die über­zeu­gende Wohn­flächen­spar­samkeit,
  • auf die Frage, wie die extrem hohe Dichte mit ihren massigen tiefen Kubaturen der großen Häuser gestaltet wurde und ganz real im Alltagsleben und -erleben erlebt und bespielt wird,
  • wie Sharing und Gemein­schafts­flä­chen organisiert werden und welchen wichtigen Einfluss die “Allmendkommission” sowie die Quartiergruppen spielen – in einem ganz spezifischen Motiva­tions- und Partizi­pations­modus,
  • wie sich die besonders hohe Vielfalt an Wohntypologien – und hier insbe­sondere die eigen­willigen Cluster­woh­nungen mit ihren mittler­weile zusam­men­ge­nommen vielen Dutzend Jahren geleb­ten Lebens – bewäh­ren und von den Menschen gesehen werden,
  • wie rückblickend das unge­heuer hohe Maß an Innova­tions­vielfalt und -dichte reflektiert wird, und was heutige Akteure daraus lernen könnten. Und wie das alles sich zum real entschei­denden Verhalten und Wohn­handeln – in der Aneig­nung durch die Bewohnenden – verhält. Reale Wirkung eben statt Kon­zeption – egal, ob bei Lüftungs­ver­halten, Mobili­täts­mustern, Mitmach­mustern usw. Hunziker-treffpunkt
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    2022_GeWo_Hunziker-mehralswohnen_-39_bearb-768x512 Ich überlasse als Studien-Autor in der Studie Andreas Hofer den Schlussgedanken:
    »Die Baugenos­senschaft mehr als wohnen ist ein uner­war­tetes Inklu­sions­projekt. Sie bringt junge und tradi­tionelle gemein­nützige Bau­träger zusam­men und hat ihre Woh­nungen an Men­schen vermietet, die mehr­heitlich keinen Hinter­grund in alter­nativen Wohn­pro­jekten haben. Damit stellt sie sich einer völlig neuen Situa­tion. Ohne Oppo­sition oder Gegen­welt zu sein, bietet sie genos­sen­schaft­liche Prinzi­pien der Aneig­nung für die Gestaltung individueller Lebens­welten an. Wenn die Bewoh­ner:innen diese ent­decken und anneh­men, haben neue Wohn­modelle bewie­sen, dass sie nicht Inseln der Über­zeugten, sondern Zukunfts­räume sein können.«
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    Zum Forschungsprojekt

    Die Hunziker-Studie ist Teil eines großen For­schungs­projekts zum Thema »Genera­tion­en­wohnen in lang­fristiger Per­spek­tive – von der Inten­tion zur gelebten Umset­zung«. Das Projekt ent­stand in Zusam­men­arbeit und Pool-För­de­rung der Age-Stif­tung, der Beis­heim Stiftung, des Bundes­amtes für Woh­nungs­wesen (BWO), des Max Pfister Bau­büros und der Walder Stif­tung. Der Fallstu­dien­band ent­hält weitere fünf inten­sive Fall­studien sehr unter­schiedlicher Projekte – die Längs­schnitt­per­spektive aber ist überall gleich – hier ein Über­blick über die sechs Fall­studien­orte: GeWo_Fallstudien-Uebersichtsgrafik6_Hunziker-950x597 Die Forschung wurde vom ETH Wohnforum – ETH CASE (Zürich) in Koope­ration mit Prof. Dr. Heidi Kaspar (Berner Fach­hoch­schule BFH) und mir durch­ge­führt. 2022_GeWo_Hunziker-Mehralswohnen-31_Persp-bearb-Ausschn-768x432 2022_GeWo_Hunziker-mehralswohnen_-27_bearb-768x512 2022_GeWo_Hunziker-mehralswohnen_-30_bearb2-768x512 2022_GeWo_Hunziker-mehralswohnen_-54_bearb-768x1152 2022_Habitologie-NW_Hunziker-201_bearb-768x512 20221108_Hunziker-MehrAlsWohnen-161bearb-komprim-heller-768x512

Infos zur Ausstel­lung: Ort, Zeiten
Die 90-seitige Studie gibt's hier zum down­load

31abd85b94b6c27b745751435673827a4073f86daa2843a132495641044ed82e Matthias Henzler (Fach­abt. Projekt­ent­wick­lung) bei der Aus­stel­lungs­er­öff­nung am 16.09.2025

Unterjesingen: durchgestartet Wem hilft der „Bauturbo“?

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